Den Locals gehört die Zukunft!

Kleine inhabergeführte Geschäfte bereichern die Vielfalt in den Quartieren, schaffen Gemeinschaft und fördern nachhaltiges Shopping. Was wir tun können, damit sie bleiben? Ab in die Läden und unterstützen, was wir bewahren wollen: eine bunte, vielfältige Nachbarschaft und unkonventionelle Ideen, die Städte lebenswerter machen.

Buchhandlung Christiansen in Hamburg-Ottensen

Will man die Buchhandlung Christiansen besser kennenlernen, führt kein Weg an ihrer Geschichte vorbei. Sie begann, als Ottensen noch eine Stadt vor den Toren Hamburgs war und Thomas Edison die Glühbirne entwickelte. Damals, im Jahr 1878, eröffnete Hinrich Friedrich Theodor Christiansen in der Bahrenfelder Straße 79 eine sogenannte „Lehrmittelagentur“ – von Büchern und Heften über Landkarten bis hin zu in Spiritus eingelegten Reptilien konnte man bei Christiansen all das erstehen, was in Schulen zum Einsatz kam.
Zwei Weltkriege, diverse Wirtschaftskrisen und mehrere grundlegende Umwälzungen auf dem Buchmarkt später spricht Nicole Christiansen von der Vergangenheit wie von einer guten Freundin, die ihr und ihrem Mann durch schwere Zeiten geholfen hat: „Um das Jahr 2000 herum ging es der Buchhandlung nicht gut. Die Konkurrenz durch das neue Einkaufszentrum in Altona war extrem. In dieser Zeit habe ich begonnen, mich näher mit der Geschichte der Buchhandlung zu beschäftigen und fand auf dem Dachboden unseres Hauses einen Brief. Der Großvater meines Mannes hatte ihn verfasst, nachdem das Haus im Jahr 1943 vollkommen zerstört worden war. 
Er schrieb, dass er sich seinem Vater – dem Gründer – verpflichtet fühlte, für die Zukunft der Buchhandlung zu kämpfen, mit ganzer Kraft. Tatsächlich hatte er Erfolg und baute alles aus dem Nichts wieder auf.

Als ich auf dem Dachboden saß und diese Worte las, musste ich weinen und dachte: Wenn er das geschafft hat, dann können wir doch jetzt die Flinte nicht ins Korn werfen. Diese Stimme aus der Vergangenheit war eine ungeheure Kraftquelle und Motivation. Bis heute.“

Was Nicole Christiansen, gelernte Buchhändlerin und Ehefrau von Sönke Christiansen in dieser schwierigen Zeit nicht ahnte: Mit ihrem Stöbern in der Vergangenheit würde sie maßgeblich dazu beitragen, den strauchelnden Buchladen in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Denn wie sich herausstellte, war die Buchhandlung Christiansen die älteste familiengeführte Buchhandlung Hamburgs. Und das war selbst den Christiansens zuvor nicht klar gewesen. 
„2008 feierten wir unser 130-jähriges Jubiläum und gingen mit diesem neuen Alleinstellungsmerkmal in die Offensive,“ erinnert sich Nicole Christiansen. „Plötzlich interessierte man sich wieder für uns, die Medien berichteten und – wir konnten es kaum glauben – unsere alten Stammkunden kehrten zurück. Sie hatten wohl gemerkt, dass ihr alter Buchladen doch etwas Besonderes ist.“

Den Locals gehört die Zukunft!
Worauf es ankommt:
Niemals aufgeben!

Die erfolgreiche Jubiläumsfeier war die Initialzündung für den heutigen Erfolg, davon ist Nicole Christiansen überzeugt: „Das wahrscheinlich wichtigste war, dass wir in unserem Team auf einmal wieder Optimismus spürten und stolz aufeinander waren. Alle hatten fürs Jubiläum die Ärmel hochgekrempelt, Pläne geschmiedet und mitgeholfen – egal ob Familie oder Angestellte. Von dem Moment an ging es bergauf.“

Die Lust Ideen zu schmieden und in die Tat umsetzen, ist bei Nicole Christiansen und ihrem Team alles andere als Mangelware. Ob Reading Teens – ein über die Grenzen Hamburgs bekannter Lesezirkel für Kinder und Jugendliche – oder Video-Adventskalender, ob Stempelkarten für Lesungen oder ein neuer Lesegarten hinter dem Ladenlokal – es gibt immer etwas zu tun, immer neue Konzepte in die Tat umzusetzen. „Wir haben wirklich riesiges Glück mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die alle ihre Stärken, ihre Kreativität und ihr Wissen bei uns einbringen,“ , sagt Christiansen. „Ohne sie ginge gar nichts.“

Auch ihr „Dorf Ottensen“ ist für die Buchhandlung Christiansen mehr als nur ein Standort: Ottensen ist Netzwerk, belebende Nachbarschaft, Zuhause. Man kennt und unterstützt sich, hilft, wenn Not am Mann ist. Die Buchhandlung Christiansen ist das, was viele Großstädter suchen: ein Ort der Begegnung und eine Konstante in einer schnelllebigen Welt. „Wie wichtig wir – und Orte wie dieser – für die Menschen sind, hat uns auch die Corona-Zeit noch einmal gezeigt“, bestätigt Nicole Christiansen. „Selbst im strengsten Lockdown waren wir telefonisch erreichbar und hatten auch immer Zeit für ein kurzes Gespräch. Es war so beglückend zu spüren, wie sehr uns die Menschen hier lieb gewonnen haben – und wir sie.“

Buchhandlung Christiansen
Bahrenfelder Str. 79
22765 Hamburg

Website:
buchhandlung-christiansen.de

Öffnungszeiten:
Mo – Fr: 10.00 – 19.00 Uhr
Sa: 10.00 – 18.00 Uhr

Planet Upcycling in Düsseldorf

Die Geschichte von Planet Upcycling reicht zwar nicht ganz ins vorletzte Jahrhundert zurück – aber lange genug, um das Atelier und Ladenlokal zu einem Vorreiter seiner Branche zu machen. Als Anne und Frank Metzler vor zehn Jahren Planet Upcycling gründeten, konnte noch niemand das Wort „Upcycling“ überhaupt buchstabieren. „Heute ist das zum Glück anders“, lacht Frank Metzler.

Anders als beim einfachen „Recycling“ steht beim „Upcycling“ nicht nur die Wiederverwendung des Materials im Vordergrund, sondern auch das Design der neuen Produkte. So entstehen beispielsweise aus ausgemusterten Feuerwehrschläuchen, abgelegten Herrenhemden oder alten Bauzaunbannern originelle, oft mit besonderem emotionalen Wert verbundene Unikate.

Mit Design kennen sich Anne und Frank Metzler aus: Er ist von Haus aus Grafiker, sie Modedesignerin. Kennengelernt hat sich das Ehepaar in einem Start-up, und gemeinsam beschlossen sie im Jahr 2011, dass sie ihre Kompetenzen für einen nachhaltigen Zweck bündeln wollten. „Wir sind 2012 als reines Atelier mit einer Kollektion aus Upcycling-Kleidung an den Start gegangen“, erzählt Anne Metzler. „Als dann das angeschlossene Ladenlokal frei wurde, haben wir auch das übernommen – dabei hatten wir überhaupt keine Erfahrung im Einzelhandel. Aber das Interesse an nachhaltigen Produkten wuchs. Also haben wir uns in dieses Abenteuer gestürzt.“

Im Laden von Planet Upcycling finden sich heute nicht nur die Eigenkreationen von Anne und Frank Metzler. Auch Produkte anderer Upcycling-Labels haben ihren Platz, so dass sich eine dort auf kleinem Raum eine bunte Produktvielfalt von Schuhen und Kleidung über Schmuck und Accessoires bin hin zu Papeterie und Interior-Design präsentiert.

Im Atelier von Anne Metzler steht jedoch damals wie heute die Verarbeitung von Textilien im Vordergrund. Neben Taschen und Rucksäcken entstehen auch Kleidungsstücke aus all dem, dessen erstes Leben gelebt ist. Dabei sei auch die emotionale Komponente upgecycelter Produkte nicht zu unterschätzen, erklärt Anne Metzler. „Tatsächlich verkaufen sich die Dinge besonders gut, deren Ausgangsmaterialien beispielsweise Leben gerettet haben. So haben Taschen oder Schmuck aus alten Feuerwehrschläuchen einen ideellen Wert, an den ein Produkt aus neuen Materialien nicht herankommt.“

Ganz besonders deutlich wird dieser emotionale Mehrwert, wenn Kund*innen direkt mit Wünschen an die Inhaberin herantreten. So hat Anne Metzler bereits ein Abiballkleid designt, in dem alte Kleidungsstücke von Familienmitgliedern zu neuem Glanz kamen. Und in vielen Kinderhosen und Kleidchen, hergestellt aus den Hemden des Vaters oder Großvaters, leben wertvolle Erinnerungen weiter. 

„750.000 Tonnen Textilien werden in Deutschland pro Jahr weggeworfen,“ sagt Frank Metzler. „Und da sind nicht einmal all die Kleidungsstücke mitgezählt, die ungetragen in Schränken liegen. Upcycling hat etwas mit Wertschätzung zu tun. Wertschätzung gegenüber dem Material, der Umwelt und den Menschen.“

Um ihr Geschäft am Laufen zu halten, steht Planet Upcycling mittlerweile auf mehreren Säulen. Das Ladenlokal mit Atelier ist nur eine davon. Darüber hinaus bieten Anne und Frank Metzler Upcycling-Workshops an, halten Vorträge, sind auf Märkten in der Region präsent und kooperieren mit Unternehmen, die allmählich auch den Wert nachhaltigen Handelns erkennen. Neben ihrer Arbeit im Atelier und Ladenlokal baut Anne Metzler außerdem gerade eine Upcycling-Werkstatt im Auftrag der Diakonie-Tochter renatec auf. Die Arbeit mit den zumeist langzeitarbeitslosen Frauen ist nicht nur bereichernd, sondern schafft auch Synergien für Planet Upcycling. „Auch hier gilt wieder: Wertschätzung ist der Kern, um den sich alles dreht – egal ob Material oder Mensch“, sagt Anne Metzler. „Denn auch Menschen wollen Wertschätzung erfahren. Und jede und jeder hat ein Recht darauf.“

Planet Upcycling

Ackerstraße 168b
40233 Düsseldorf

Website:
planet-upcycling.de

Öffnungszeiten Ladenlokal:
Do & Fr: 11.00 Uhr – 19.00 Uhr
Sa: 11.00 Uhr – 16.00 Uhr

KaLi in Hannover

Ein Kaufhaus mitten in Hannover-Linden – das ist das KaLi. Wer jetzt aber an in die Jahre gekommene Einkaufstempel wie Karstadt oder Kaufhof denkt, liegt falsch. Das KaLi ist etwas Besonderes. Im März 2019 öffnete das Kaufhaus Linden seine Türen. Seither können die Besucher*innen auf über 300 Quadratmetern originelle und einzigartige Produkte erstehen, die man sonst so nur selten bekommt. Initiatorin und Hauptmieterin des KaLi ist Frauke Zwick, die sich bereits 2017 mit einen kleinen Vintage-Laden im Hannoveraner Stadtteil Linden selbstständig gemacht hatte. „In diesem Gebäude, in dem jetzt das KaLi ist, gab es früher ein Stoffgeschäft, in dem ich manchmal eingekauft habe. Im Scherz sagte ich damals zu meiner Freundin: ‚Wenn dieser Laden mal frei wird, dann miete ich den.‘“

Nur wenig später zog der Stoffladen aus, und Frauke Zwick unterschrieb kurzerhand den Mietvertrag – ohne eine genaue Vorstellung, was sie eigentlich mit der großen Fläche anstellen wollte. Doch nach einige Gesprächen mit anderen Inhaber*innen kleiner Lindener Läden war klar: Wir stellen ein Stadtteilkaufhaus auf die Beine! „Wir haben eine tolle Community hier in Linden“, erzählt Zwick. „Wir Ladenbesitzer*innen verstehen uns super und treffen uns auch nach Feierabend gern. Es war einfach, Leute zu finden, die von diesem neuem Konzept begeistert waren.“

Aktuell gibt es sieben sehr unterschiedliche Mieter im KaLi, die Produktpalette umfasst unter anderem Bekleidung, Leuchtbuchstaben, Kinderkleidung und Spielzeug, Bücher, Keramik, Interior-Design, Feinkost und extravagante Tapeten, die Frauke Zwick auch fürs KaLi selbst genutzt hat. Daneben bietet das KaLi-Café Raum für eine kleine Auszeit vom Shopping. „Ich liebe es, dass sich das KaLi – und vor allem das KaLi-Café – zu einer Art Treffpunkt entwickelt hat,“ freut sich Zwick. „Gerade am Samstag verabreden sich die Menschen hier, um einen Kaffee zu trinken und eine Runde zu drehen. Das ist wirklich schön.“

Pläne und Ideen hat Frauke Zwick viele, doch nach zwei Jahren Pandemie ist die Freude nicht ungetrübt: „Ich müsste lügen, wenn ich sagte, dass alles glatt läuft. Wir hatten nur ein Jahr, um uns zu etablieren, bevor Corona kam – und bei Start-Ups sagt man ja, dass das erste Jahr quasi nicht zählt. Auch heute besuchen uns an vielen Tagen nicht genug Kund*innen. Das ist einerseits frustrierend – andererseits glauben wir alle hier an das Konzept des KaLi. Es macht nach wie vor sehr viel Spaß und wir hoffen einfach, dass wir im Frühling und Sommer wieder einiges aufholen. Aufgeben ist jedenfalls keine Option!“

KaLi – Kaufhaus Linden

Posthornstraße 31
30449 Hannover

Website:
facebook.com/kaufhauslinden

Öffnungszeiten:
Mo – Fr: 11.00 Uhr – 18.30 Uhr
Sa: 10.00 Uhr – 16.00 Uhr

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