Die Generation Silver Surfer

Interview mit Vereinsgründerin Dagmar Hirche inkl. Gewinnspiel!

Unsere Welt wird immer digitaler, während analoge Angebote stetig abnehmen: Termine werden oft nur noch online vergeben, Banken schließen ihre Filialen und Informationen wandern ab ins Internet. Die Frage nach der digitalen Teilhabe älterer Menschen rückt besonders in Zeiten einer Pandemie zunehmend in den Vordergrund. Wurden die Älteren abgeholt – oder abgehängt?

Versucht man diese Frage statistisch zu beantworten, stellt sich bereits eine neue: Wer sind denn eigentlich „die Älteren“? Detaillierte Statistiken, die innerhalb der älteren Generation nochmals auf verschiedene Alterskategorien eingehen, gibt es nämlich nicht. Zwar stieg laut Statista der Anteil an Internetnutzern unter den über 70-Jährigen zwischen 2014 (29,4%) und 2020 (77%) um beeindruckende 160 Prozent. Wie viele Menschen beispielsweise der Altersklasse 80+ online sind, wissen wir hingegen nicht genau. Aber es steht zu vermuten, dass viele von ihnen den Weg ins Netz noch nicht gefunden haben. 
Mögliche Gründe: Es mangelt an Hilfsangeboten und einer guten digitalen Infrastruktur. Der Umgang mit Smartphone, Tablet oder Laptop ist gewöhnungsbedürftig, verfügbares WLAN längst keine Selbstverständlichkeit. Auch Altersarmut führt bei einigen dazu, dass der Gang ins Netz verwehrt bleibt. Sogar in Seniorenwohnanlagen und Altersheimen wird die digitale Teilhabe nicht immer gelebt.

Die BAGSO (Bundesarbeitsgemeinschaft für Seniorenorganisationen) forderte bereits vor Jahren, dass alle Alten- und Pflegeheime bis spätestens Ende 2020 mit WLAN für die Bewohner*innen auszustatten wären. Doch die Umsetzung dieser Forderung reicht oftmals nur bis in den Gemeinschaftsraum. Zu Lockdown-Zeiten wurden somit viele Senior*innen in ihren Zimmern auch digital von der Außenwelt abgeschnitten. „Jemand, der das nicht akzeptieren will, ist Dagmar Hirche, Unternehmerin und Gründerin des Vereins „Wege aus der Einsamkeit“ (wegeausdereinsamkeit.de). Sie sieht Wirtschaft und Politik in der Pflicht, entsprechende Bildungsangebote und freien WLAN-Zugang für Menschen im höheren Alter zur Verfügung zu stellen. Sie selbst setzt sich ehrenamtlich dafür ein, älteren Mitmenschen das Internet sowie seine mobilen Begleiter näherzubringen und erhielt für ihr Engagement bereits zahlreiche Auszeichnungen, wie z.B. den „Social Hero Award 2017“ von Facebook. Wir haben mit der Macherin und Mut-Macherin aus Hamburg gesprochen.

Die Generation Silver Surfer
Vereinsgründerin Dagmar Hirche
Frau Hirche, warum haben Sie den Verein „Wege aus der Einsamkeit“ ins Leben gerufen?

Wir wollten uns gern sozial engagieren und haben schnell festgestellt, dass es bereits viele Initiativen für Kinder, für Menschen mit Beeinträchtigungen oder die Umwelt gibt. Kaum jemand setzt sich jedoch wirklich mit dem demographischen Wandel auseinander und versucht, das Image des Alters mal etwas anders darzustellen und auch das Thema „Einsamkeit“ aus der Tabuzone zu holen. Es gibt zwar eine Menge toller Vereine – doch die richten sich überwiegend an traditionell orientierte ältere Menschen. Das Alter hat sich aber gewandelt. Es gibt sehr viele moderne alte Leute, und die wurden quasi vergessen. Also haben wir uns entschieden, etwas dagegen zu tun und 2007 unseren Verein gegründet. 

Das Projekt „Wir versilbern das Netz“ bildet das Herzstück Ihres Vereins. Was ist das?

Als Unternehmensberaterin bin ich viel auf Messen unterwegs. Vor neun Jahren fiel mir verstärkt auf, wie digital unsere Welt wird. Da stellte ich mir die Frage, wer eigentlich die Menschen 65+ im Umgang mit Smartphone und Tablet schult. Diese Fähigkeit wird einem ja nicht einfach ins Gehirn „gebeamt“, auch das muss mühsam erlernt werden. Also recherchierten wir und fanden außer Excel-, Word- oder Fotobearbeitung-Schulungen nichts. Niemand hat sich mit Smartphone und Tablet beschäftigt.  

Daraufhin lud ich sechs 80-Jährige aus meinen analogen Veranstaltungen zu einer Gesprächsrunde ein und fragte sie, wer hier wohl wüsste, was ein Smartphone sei. Es stellte sich schnell heraus, dass Smartphones als „neumodischer Kram“ abgestempelt worden waren. Also verteilte ich sechs Geräte, und wir begannen zu üben. Sie haben gelernt, wie man das Smartphone an- und aus schaltet, ich habe gelernt, wie ich sprechen muss: langsam, klar und in Bildern. 

Und wie ging es weiter? 

Wir bekamen in der Wochenend-Ausgabe des Hamburger Abendblatts einen Vierzeiler. Tja, und dann ist passiert, womit wir absolut nicht gerechnet hatten: Es riefen rund 700 ältere Damen und Herren bei uns an, die sagten: „Das wollten wir immer schon lernen, und Sie sind die Ersten, die das anbieten!“ Damit war klar, wie hoch der Bedarf ist. 

Da wir so viele Leute natürlich nicht alleine schulen konnten, holten wir noch andere Vereine hinzu. Und so starteten wir mit unseren Gesprächsrunden, die ständig ausgebucht waren. Das hat sich auch nach acht Jahren nicht geändert. Wir haben immer Menschen auf der Warteliste. 

Warum sind Ihre Kurse so erfolgreich? 

Bei uns steht der Spaß im Vordergrund! Wir haben keine Lernsituation wie in klassischen Seminaren. Die Anregungen kommen von den Besucherinnen und Besuchern. Sie berichten von ihren Erfahrungen und entscheiden, was sie lernen wollen – ob QR-Codes, WhatsApp, Google Maps oder HVV App. Und unsere Versilberten wissen: Sie können mir 30 Mal die gleiche Frage stellen, ich beantworte sie 30 Mal. Ich glaube tatsächlich, dass Wiederholung eines unserer Erfolgsgeheimnisse ist. Aber natürlich bringen wir auch Neues ein: In Zeiten von Corona habe ich zum Beispiel Luca-App, CovPass-App und Corona-Warn-App erklärt.

Gutes Stichwort: Wie ging es denn mit ihren „Versilberer-Runden“ weiter, als Corona kam?

Mein erster Gedanke war, dass ich auf gar keinen Fall aufhören kann zu schulen. Gerade jetzt, da alles noch digitaler würde, war Unterstützung umso wichtiger. Also habe ich mir selbst Zoom beigebracht. Anschließend unterstützte mich mein Mann dabei, Erklär-Videos zu drehen, wie man Zoom auf Smartphones, Tablets oder PCs installiert und benutzt. In unserem Newsletter kündigte ich an, dass am 25.03. unsere erste Zoom-Veranstaltung startet und bot meine telefonische Hilfe an, falls jemand mit der Installation nicht zurechtkäme. Ich werde ja auch nicht schlau! Ich hätte wissen müssen, was passiert! Rund zwei Wochen war ich bis zu 14 Stunden täglich am Telefon, um Menschen 65+ bis 95+ zu erklären, wie sie in diese Zoom-Konferenz kommen. Aber ihre Freude zu erleben, als sie es schafften, virtuell den Zoom-Raum zu betreten, wo bereits andere Übende warteten – das werde ich in meinem Leben nicht vergessen! 

Dagmar Hirche und die Versilberer-Gruppe im Digitalen lernzentrum bei facebook am Potsdamer Platz, Berlin
Es blieb nicht bei den Gesprächsrunden. Sie haben sich weitere Partner gesucht und ein richtiges Tagesprogramm erstellt. Warum?

Die älteren Damen und Herren erzählten mir, dass diese Runden sie dazu brachten im Lockdown aufzustehen, sich anzuziehen und fertig zu machen. Sie hatten plötzlich wieder Termine, bei denen man sich sah. Wir erreichten nicht nur einsame Menschen, sondern auch jene, die von heute auf morgen einsam geworden waren, weil sie nicht mehr zum Chor, Sport oder auf Reisen gehen konnten. Sie durften sich nicht mit Freunden treffen, und die Enkelkinder kamen auch nicht mehr. Mit diesen Runden haben wir ihnen ein Instrument an die Hand gegeben, Menschen sehen zu können. Der Zoom-Raum ist zu einer Art Kneipe geworden. Man verabredete sich, zusammen die Fußball-Weltmeisterschaft oder „Let’s Dance“ zu schauen. 

An welchen Moment Ihrer Arbeit erinnern Sie sich besonders gern?

Da muss ich an eine ältere Dame denken, die eher unfreiwillig von ihrer Tochter gebracht worden war. Sie schaute mich so sauer an, dass ich dachte, ich kipp gleich tot vom Stuhl. Es war augenscheinlich, dass sie eigentlich gar nicht hier sein wollte. Aufgrund ihrer Krankheit konnte die Frau nicht mehr reisen oder ihren Hobbys nachgehen. Also erkundigte ich mich, was früher ihre liebste Beschäftigung war. Ihre Antwort: Museumsbesuche. Nach kurzer Recherche meinerseits stellte sich heraus, dass das Lieblingsmuseum der Dame einen virtuellen Rundgang anbot. Ich gab ihr also ein iPad, startete den Rundgang und ließ sie in Ruhe. Als ihre Tochter sie später wieder abholte, bedankte sich die ältere Dame höflich – und ein halbes Jahr später erhielt ich einen Anruf der Tochter: „Frau Hirche, Sie haben den Schlüssel gefunden! Meine Mutter hat mich erstmal angepfiffen, warum ich ihr das nicht gezeigt habe. Dann hat sie einen Plan erstellt, welches Museum an welchem Tag digital besucht wird, herausgefunden, dass es natürlich auch über jeden Künstler etwas im Internet zu finden gibt, hat gelernt zu googeln und jetzt kann sie alles.“ So ist das eben: Man muss bei den Menschen, die nicht wollen, nur den Schlüssel finden – dann erobern sie sich schon auf ihre Weise die digitale Welt.

Was wäre Ihr Tipp an unsere Leser*innen, die den Weg ins Internet noch scheuen?

Seien Sie neugierig! Springen Sie mal über Ihren eigenen Schatten und kommen Sie als Gast in unsere Zoom-Versilberer-Runde. Alle äußern das Gleiche: Hätte ihnen jemand vor Corona gesagt, dass sie regelmäßig über Video-Telefonie mit anderen in Kontakt treten würden, hätten sie den Vogel gezeigt. Mir geht es genauso. Aber heute blicke ich auf 20.000 Gäste in über 560 Zoom-Veranstaltungen zurück. Wir sind mal 20, 60 oder auch mal über 100 an einem Tag. Aber wenn jemand neues hinzukommt, wird er oder sie sofort herzlich begrüßt.

Wenn nun jemand den ersten Schritt wagen möchte, wie kann man Sie erreichen?

Man kann mir einfach eine E-Mail schicken, dann sende ich die Zugangsdaten für den Zoom-Call zu. Wichtig ist, dass ein Smartphone, Tablet oder Laptop und WLAN vorhanden sind. Und wer nicht zurechtkommt, kann mich auch gerne anrufen, dann machen wir das gemeinsam!

https://www.wegeausdereinsamkeit.de

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Mit ihrem „Mutmachbuch“ gibt Dagmar Hirche einen weiteren Wegweiser in die digitale Welt und zeigt auf, wie bunt das Leben durch die Möglichkeiten des Internets sein kann.

1. Preis: Tablet-Computer + Buch „Wir versilbern das Netz“ von Dagmar Hirche
2. – 5. Preis: jeweils ein Buch „Wir versilbern das Netz“ von Dagmar Hirche

Senden Sie uns einfach bis zum 1. Mai 2022 eine E-Mail an gewinnspiel@meravis.de oder eine Postkarte an folgende Adresse:meravis Immobiliengruppe, c/o Marketing, Krausenstraße 46, 30171 Hannover. Viel Glück!

Die Teilnahmebedingungen finden Sie auf:

meravis.de/impressum/teilnahmebedingungen-gewinnspiele:

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